MiFID II – erst 2018?!

MIFIDDie europäische Finanzbranche bereitet sich schon seit geraumer Zeit auf die Implementierung der MiFID-II-Richtlinie vor. Nun wird sie von den Behörden wahrscheinlich um ein Jahr ausgebremst: Die EU-Kommission hinkt ihrem eigenen Zeitplan hinterher. Die Finanzmarktrichtlinie MiFID II sowie die Verordnung MiFIR werden dem Europaparlamentarier Markus Ferber (CSU) zufolge „mit Sicherheit nicht am 3. Januar 2017 in Kraft treten“. Dies erklärte Ferber am Donnerstag auf dem 9. MiFID-Kongress der Börse Stuttgart. Christian Waigel, Rechtsanwalt und Partner bei der Kanzlei GSK Stockmann + Kollegen, geht davon aus, dass die zuständige Generaldirektion der Europäischen Kommission erst zum Jahresende die Umsetzungsdetails von MiFID II veröffentlichen wird. Anschließend hätte das Europäische Parlament noch drei Monate Zeit, um das Regelwerk zu prüfen. So würden Finanzdienstleister erst im Frühjahr 2016 verbindlich erfahren, worauf sie sich einstellen müssen. Somit rechnet Waigel eher mit einer „faktischen“ Verschiebung.

Faktische Verschiebung der MiFID

Faktische Verschiebung der MiFID

Er geht davon aus, dass die Richtlinie zwar wie geplant im Januar 2017 in Kraft tritt. Allerdings dürften die Behörden die Einhaltung der Regeln im ersten Jahr noch nicht so streng prüfen und erst ab 2018 die volle Übereinstimmung mit den MiFID II-Regeln verlangen. So ähnlich sei man auch bei MiFID I vorgegangen, sagt der Rechtsexperte. Aber egal wie und wann es zur Umsetzung kommt, die MiFID wird gravierend in die bestehenden Beratungsprozesse eingreifen.

Wenn die Erschaffer der MiFID jetzt aufgrund der Komplexität schon ein Jahr länger für die Einführung brauchen, dann zeigt das nur eins für die, die es Anwenden müssen: sie brauchen Unterstützung! Auch die Aussage von EZB-Direktorin Lautenschläger, „wir sollten uns jetzt auf die Umsetzung der Vorgaben konzentrieren, statt immer neue Regeln aufzulegen“, zeigt das nochmal ganz klar. Der Bankberater kann diese Hürde nicht alleine nehmen. Denn die wahre Komplexität entsteht ja erst bei der Umsetzung der Richtlinie im Beratungsprozess.

Nehmen wir dazu mal drei elementare Punkte des Beratungsprozesses heraus:

2016 push button. Concept of new year, two thousand sixteen.

2016 Beratungsprozesse MiFID-konform und Vertriebsfördernd gestalten?

A. Prüfung von Risikotoleranz und Verlusttragfähigkeit

Mit der Verpflichtung zu prüfen, welches Risiko der Kunde tolerieren kann und will und welche Verluste er verkraften kann, wird neuer Interpretationsspielraum geschaffen. Der Begriff der Toleranz scheint hier eine andere Erwartung als bisher widerzuspiegeln. In diesem Kontext vertreten wir die Auffassung, dass es immer mehr geboten zu sein scheint, die psychologische Position des Kunden zum Risiko zu klären. In diesem Zusammenhang sind gerade die Auswirkungen von möglichem oder eintretendem Risiko auf das Verhalten zu ermitteln, um dies geeignet zu einer zum Kunden passenden Bewertung des Risikoverhaltens zu nutzen. Hierzu liefert uns die Behavioral Finance die notwendigen theoretischen Ansätze und ein unterstützendes Tool das praktische Werkzeug, dies für alle Kunden in gleicher Weise, transparent und nachhaltig umzusetzen.

B. Prüfung der Geeignetheit von Produktbündeln und Einzelprodukten

Was bedeutet es, wenn alle Produkte und das vorgeschlagene Produktbündel den Zielen und Anliegen des Kunden zu entsprechen haben? Können dann noch die für die Erzielung einer inflations-übersteigenden Rendite notwendigen Anlageformen, insbesondere Aktien und Fonds, auch Kunden angeboten werden, die in der Summe Risiken vermeiden wollen? Wir sind sicher, dass sich dies nur durch möglichst tiefgehende Analyse der Kundenziele und der Abbildung dieser Ziele durch zielbezogene Asset Allocation mit Qualitätsportfolio-Ansatz umfassend realisieren lässt. So werden die einzelnen Anlageprodukte in direktem Kontext mit den Zielen gebracht, aber gleichzeitig ein Ausgleich und eine Überprüfung innerhalb der gesamten Allokation sichergestellt. Der dabei entstehende Mix von Produkten kann allerdings kaum noch effizient vom Berater auf dem „weißen Blatt Papier“ sicher ermittelt werden. Hier benötigt es Systeme, die basierend auf einer angepassten Strategie, aktuellen Researchs und umfassender Administration den Berater nachhaltig unterstützen, ihm Sicherheit in der Beratung geben und Vertrauen beim Kunden schaffen.

C. Nachberatungsoption

Mit der Nachberatungsoption wird den Instituten eine einmalige Chance gegeben. Sie werden in der Lage sein, aus ihrem ureigenen Interesse das Anlagevermögen des Kunden regelmäßig in Augenschein zu nehmen. Dies ist die vertrieblich orientierte Sicht auf das Thema, welche wir wahrnehmen. Anders motivierte Diskussionsbeiträge gehen in die Richtung „muss ich beraten“, „reicht auch informieren“ oder „das ist ja noch nur eine Option“. Sicher gibt es gute Gründe, im regulatorischen Kontext Vorsicht walten zu lassen. Dies sollte jeder in eigener Verantwortung prüfen, aber die Chance auf werthaltige Kontakte ist nie größer als bei Veränderungen im Depot. Besprechen wird der Berater diese irgendwann auf jeden Fall. Praktiker sagen uns, je früher desto besser. Um dies leisten zu können, benötigen Sie eine leistungsfähige IT, die die einzelnen Kundenpositionen zeitnah überwacht und Kunden, Berater und Vertriebsverantwortliche über Veränderungen sinnvoll informiert, Renditen ermittelt und nachvollziehbare Performanceanalysen ermöglicht.

Die MiFID muss nicht zur Belastung werden

Die MiFID muss nicht zur Belastung werden

Sie sehen also, die MiFID-Änderungen stecken voller Herausforderungen, aber es gibt für all dies Lösungen damit kundenorientiert und vertrieblich erfolgreich umzugehen. Alle Finanzdienstleister mit einem beratenden Fokus, ob im Retail oder Private Banking, Versicherung oder Allfinanz, sind zentral betroffen von den erweiterten Anforderungen. Unsere Erfahrungen bei der Umsetzung von MiFID I im Rahmen unterschiedlicher Softwareprojekte in Europa haben gezeigt, das ca. zwei Jahre benötigt werden, um den Veränderungsprozess umfassend umzusetzen. Ziel eines Projektes sollte sein, die neuen Anforderungen so in den Beratungs- und Vertriebsprozess zu integrieren, dass keine Umsatz- und Ertragseinbrüche entstehen, sondern die MiFID sogar eine noch bessere vertriebliche Ausgangsposition schafft.

Christian Neuenhaus

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